Pünktlich zum Karfreitag landete ich in Tamale und wurde von Silas und Godwin abgeholt. Die Wiedersehensfreude war gross! 6 Jahre waren vergangen seit dem letzten Besuch, da 2 Reisen aufgrund von Corona verschoben werden mussten.
Die 6 Jahren waren kaum deutlich in der Vertrautheit miteinander und des Ortes. Allerdings wurden die 6 Jahre deutlich, als ich den Kindern und Jugendlichen begegnete. Die meisten überragen mich mit ihrer Körpergrösse. Trotzdem erkannten mich alle, ich erkannte jede(n) und wir verbrachten 2 wundervolle Wochen. Da viele Osterferien hatten, profitierte ich von der Quality Time beim Malen, Karten spielen, Vorlesen und langen Gesprächen. Es war beeindruckend, zu welchen Persönlichkeiten die einst kleinen Kinder herangewachsen waren.
Rejoice erzählte mir von ihrem Spagat zwischen Zivildienst in einer Schule und dem Praktikum bei der Fernsehstation, wo sie bereits seit Jahren neben dem Studium gearbeitet hat. Rebecca (erstes Semester Ernährungswissenschaften) löcherte mich mit Fragen zu Themen, die sie neu gelernt hatte. Sadiq (erstes Semester Public Health) begann eine Diskussion zu Gesellschaftsentwicklung und Kolonialismus. Und Precious und Fadila erzählten mir von ihren Ideen, wie sie später mal als Unternehmerin erfolgreich sein wollen. Debby und Vida sah ich eigentlich nie ohne ihre Handarbeit, entweder an der Nähmaschine oder mit Stoffen und Nadel in der Hand. Die Ausbildung in Design und Schneiderei scheint genau das Richtige für beide zu sein. Ich bin mächtig stolz.
Neben meiner Beobachtungen ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung und der super spannenden Aufgabe des Kontrollierende der Buchhaltung, barg der Aufenthalt in Ghana noch eine ganz besondere Magie mit sich. Oder vielleicht war es einfach der Kontrast zu meinem sonstigen Lebensumstand.
Unser Projekt in Tamale ist etwas ausserhalb des Stadtzentrums, mit Häusern links und rechts, aber auch Land und vielen freien Flächen. Das ist ein Fluch und Segen. Die Versorgung mit Wasser über die öffentlichen Netze ist stark unterbrochen, das ist ein grosses Problem. Gleichzeitig gibt es Land um das Haus, welches zum Anbau von Lebensmitteln genutzt werden kann. Es ist ruhig und ein sicherer Ort für die Kinder und Jugendlichen. Für mich bedeutete das Detox. Oder für ü40: eine Kur! Das zu Hause, welches Silas und Sanatu dort aufgebaut haben ist ein echtes zu Hause. Das Leben ist sehr stark verbunden mit der Natur. Es wird aufgestanden, wenn es hell wird, es wird ans zu Bett gehen gedacht, wenn es dunkel geworden ist. Es wird vorwiegend mit frischen gekauften oder selbst angebauten Lebensmitteln gekocht. Es wird beim Gottesdienst gebeten für den Regen, der die Regenzisternen füllt. Es wird im Sommer draussen geschlafen, um kühle Luft zu erhaschen. Es wird geruht, wenn die Müdigkeit kommt und es wird aktiv, je nachdem wann jede(r) seine oder ihre Energiephase hat. Obwohl ich bei meinen letzten Besuchen nicht immer positive Erfahrungen in den Gottesdiensten gemacht habe, habe ich sie dieses Mal sehr genossen. Sie waren sehr praktisch angeleitet, mit Geschichten aus dem Leben, mit Geschichten rund um Ostern, es gab Anleitungen zum Dankbarsein und angeleitete Gebeten mit Zeit für Wünsche, Wünsche für sich selbst und Wünsche für andere. In einigen Berliner Kreisen würde diese Praxis locker als “mindfulness workshops” durchgehen. Sehr zu empfehlen.
Ein weitere Neuerung hat mich sehr begeistert. Silas hatte mir bereits beim letzten Besuch von Ideen erzählt, wie er zusätzliches eigenen Einkommen generieren kann. Allerdings hatten wir uns bisher nur auf die Landwirtschaft fokussiert. Nun durfte ich erfreut feststellen, dass Sanatu und ihre Nichte ein erfolgreiches Web-Geschäft aufgebaut hatten. Sie hatten sogar 3 Azubis und webten pro Tag pro Person bis zu einem fertigen Stoff. Sehr beeindruckend. Natürlich hatte sie mit mir direkt eine Kundin gewonnen. Silas und Sanatu wollen noch eine weitere Einkommensquelle aufbauen, einen Verkauf von Baumaterial. Das Startkapital haben sie jetzt im Mai von unseren Norwegischen Unterstützerin bekommen. Mein 249startups-Herz leuchtet natürlich auf, wenn unsere Partner in Ghana auch in unternehmerische Sphären gehen. Das Thema der Nachhaltigkeit und Eigenverantwortlich ist hier klar zu sehen, das macht mich wirklich glücklich.
2 Wochen (Kur :-)) in Tamale vergingen wie im Flug. Aber es sollten noch 2 Abenteuer auf mich warten. Auf dem Rückweg zum Abflug in der Hauptstadt wollte ich noch 2 Stopps einhalten. Zuerst ging es nach Kumasi, wo Mariam das Studium zur Krankenpflegerin absolviert. Mariam führte mich über den Uni-Campus, es war beeindruckend. Mariam hatte es mit ihren hervorragenden Noten auf einer der TOP 3 Universitäten in Ghana geschafft. Der Campus ist grün und überfüllt mit vielen jungen lebendigen schlauen Menschen. Nachdem ich schweren Herzens auch zu Mariam Tschüss gesagt hatte, traf ich Precious in Accra. Precious ist eine Wucht, wie meine Eltern immer sagen. Sie hat super viel Energie und ist brilliant. Sie arbeitet in den Ferien immer bei ihrer Tante in Accra und verkauft warme Getränke und Gebäck an einem Kiosk. Gleichzeitig war sie in Accra, um einen Photoshop Kurs zu belegen. Und sie berichtete mir von ihrem kleinen Business, was sie aufgebaut hat. Sie schreibt Bücher und verkauf diese bei Amazon. Ich werde euch gerne mal einen weiteren Newsletter schreiben, wenn ich hier ein paar Produkte anpreisen kann. Vielleicht mag der ein oder andere damit ja direkter als direkt eine unserer Studentinnen finanziell unterstützen. Auch der eine Tag und die eine Nacht vergingen mit wundervollem Austausch und sie brachte mich zum Flughafen.
Ich sass im Flieger, alle Fotos anschauend und Notizen lesen, stolz, glücklich, entspannt. Was Silas und Sanatu dort aufgebaut haben und was unser Verein seit 15 Jahren unterstützt und mit aufbaut, ist fantastisch. Ich bin sehr glücklich, Teil davon zu sein. Und ich bin dankbar, dass ihr ebenso Teil davon seid. So machen wir alle einen Unterschied für einen Menschen nach dem anderen.
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